Atemlos

Die Zeit der grossen Tauchgruppen ist vorüber. Da waren die gut ausgerüsteten Osteuropäer, mit professionellem Equipment, und die damit auch umzugehen wussten. Meine Arbeit beschränkte sich auf das Zeigen der schönsten Unterwasserwelten. Und bei Orientierungsverlust – was bei der derzeit recht mässigen Sicht auch passieren kann – brachte ich die Leute wieder auf dem richtigen Weg zum Boot zurück.

 

Nun ist die Ferienzeit angebrochen. Touristen bevölkern die Lofoten, die Wohnmobile verstopfen die Strassen, die Appartments sind ausgebucht. Bei uns auf der Tauchbasis treffen Kurzentschlossene ein, die vom Tauchbildchen im Tourismusprospekt angetan sind und sich denken: «Ach ja, so spontan über dem Polarkreis zu Tauchen wäre doch auch noch nett.» Einige haben gut Erfahrung, so wie der finnische Divemaster, mit dem ich letzte Woche nach dem Wracktauchgang auf 35 Metern Tiefe regungslos schwebend im tiefblauen Wasser den Dekompressionsstopp auf 5 Metern Tiefe machte. Einige Gäste kommen mit mässiger Taucherfahrung an, oder sind schon seit einiger Zeit nicht mehr getaucht. Da gehen wir dann auf einfachere Tauchplätze. Die meisten Gäste sind glücklich und zufrieden mit ihren Erlebnissen.

 

Doch manchmal ist auch der eigentlich unproblematische Hopser in die Lagune zu schwierig. So wie gestern, als zwei Engländer sich für einen Tauchgang anmeldeten. Kurz nach der Brevetierung, den letzten Tauchgang vor einem Jahr, mit dem Selbstbewusstsein, dass sie ja schon alles können. Im Wasser war dann alles ganz anders: Der junge Mann hing wie eine Banane im Wasser, sank Kopf voran ab, fuchtelte wild mit den Armen und ich musste sein Jacket wieder aufblasen, damit er nicht weiter in die Tiefe rauschte. An der Oberfläche sagte er mir etwas von: «Ich kriege zu wenig Luft». Zweiter Versuch, ebenfalls erfolglos. Er musste zurück zum Boot. «Ich habe mentale Probleme.» Also nur noch mit seiner Freundin. Die fuchtelte zwar gehörig mit den Armen, wie wenn sie im Planschbecken die ersten Schwimmversuche machen würde. In der Tiefe beruhigte sie sich. Ich zeigte ihr jagende Dorsche und einen Seestern. Nach zehn Minuten und auf zwölf Metern Tiefe plötzlich das Zeichen, dass sie Probleme hat. Sie zeigte auf die Maske. Doch die sass gut. Sie zeigte auf den Regulator, dass sie zu wenig Luft bekommt. Doch der funktionierte. Sie zeigte nach oben und gab hektisch das Zeichen aufzutauchen. Die Bewegungen wurden panischer, die Augen waren weit geöffnet. Ich leitete einen Notaufstieg ein. In 10 Minunten hatte sie aus der 15-Liter-Flasche 70 bar abgeatmet. Für Tauchlaien: das reicht in dieer Tiefe sonst eine halbe Stunde lang. Als ich den Beiden dann erklärte, dass sie vor dem nächsten Tauchgang besser nochmals mit einem Instuktor tauchen sollten, um das Selbstervertauen wieder zu gewinnen, war ich dann der böse Guide. Ich sei «unverschämt und frech». Gedankt hat sie mir für diese Aktion nicht. Mein Gehalt für diesen vierstündigen Einsatz: Umgerechnet 28 Franken. Auch das sind Erfahrungen. Für mich die gute, dass ich die Frau wieder heile an die Oberfläche gebracht habe.

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Robert Hansen                           

abgetaucht in den Weltmeeren

                     

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